Individualismus statt Curriculum

Immer wieder tauchen neue Zahlen und Fakten über das deutsche Schulsystem und dessen Absolventen in den Medien auf – egal ob es sich um internationale Vergleiche, Erhebungen zur Chancengleichheit oder die PISA-Studien handelt.

Eines haben alle gemeinsam: Das Deutsche Schulsystem wird mit höchstens durchschnittlich bewertet. Eine ziemlich schwache und vor allem alarmierende Bilanz für einen Staat, der zum Kreis der wirtschaftlich stärksten Nationen überhaupt gehört.

Ich selbst habe erst vor zwei Monaten meine Schulzeit mit Abitur beendet und, hingegen vieler Aussagen von Mitschülern und Lehrern, muss ich gestehen, dass ich heilfroh bin, diesen Abschnitt meines Lebens endlich hinter mir zulassen.

Es gibt einfach in unserem Schulsystem zu viele Punkte, an denen ich kaum ein gutes Wort lassen kann: Dies beginnt mit dem Stundenplan und dem darüber hinaus strikt darauf ausgerichteten Tag mit Hausaufgaben, Vokabeln lernen etc. Schon beim ersten Blick auf die Arbeitswelt erkennt man, dass diese strenge Taktung nicht mehr der Realität entspricht. In immer mehr Branchen geht der Trend weg vom Normalarbeitsverhältnis. Die Möglichkeiten des Arbeitnehmers werden immer vielfältiger hinsichtlich Gleitzeit und mobilem Arbeitsplatz. So aber nicht in der Schule. Alle stehen zur gleichen Zeit auf, haben größtenteils den gleichen Unterricht und lernen für die gleichen Tests.

In so einem starren System geht die Persönlichkeitsbildung und die Individualisierung völlig verloren, so dass es mir stellenweise vorkommt, als wäre die einzige Priorität, dass die Masse von Schülern später im normalen Wirtschaftsprozess optimal funktioniert. Doch nicht mal das scheint gegeben zu sein, wenn man den Worten von Wirtschaftsexperten und Personalmanagern glauben darf.

Ich persönlich habe nach zwölf Jahren keinen blassen Schimmer, wie die Welt draußen so läuft – von Bürokratie und Steuern müssen wir gar nicht erst anfangen.

Der starre Stundenplan lässt nicht viel Spielraum zu und kann den unterschiedlichen Fächern und den Vorlieben der Schüler nicht gerecht werden. Beispielsweise gab es Fächer, in denen ich Stunden lang nur die Zeit abgesessen habe. In Politik und Wirtschaft hingegen hätte man manchmal einen ganzen Schultag über ein Thema diskutieren können, wenn man nicht irgendwann vom Klingeln unterbrochen worden wäre, was ich dann immer sehr schade fand.

Natürlich braucht jeder Schüler ein Grundwissen, jedoch sollte viel mehr Wert auf die Neigungen und Stärken des Einzelnen gelegt werden. Zum Beispiel wusste ich schon sehr früh, dass ich nie einen naturwissenschaftlichen Beruf ergreifen werde. Dennoch war ich verpflichtet Mathe im Abitur zu machen und eine Naturwissenschaft bis zum Ende zu belegen. Bedingt durch die festen Strukturen findet ein fächerübergreifender Unterricht nur sehr selten statt. Eigentlich bieten Fächer wie PoWi und Geschichte oder Physik und Mathe perfekte Vorraussetzungen, Teile des Lehrplans zu verbinden, was den Unterricht beleben und den Schülern nochmals einen anderen Blick auf die Inhalte vermitteln würde. In meiner Schulzeit geschah das nur recht selten, und eigentlich nur dann, wenn man in beiden Fächern denselben Lehrer hatte.

Glücklicherweise war ich auf einer sehr modernen Schule und der Unterricht mit Internet und am Computer war keine Seltenheit. Diese Standards sind aber leider nicht die Regel an deutschen Schulen, was erschreckend ist, wenn man bedenkt, dass die meisten von uns irgendwann im Beruf mit Computern konfrontiert werden. Hier an dieser Stelle passt folgendes Zitat von Christian Linder hervorragend: „Leider meinen die meisten Lehrer immer noch den Overhead, wenn sie von neuen Medien sprechen.“

 

Meiner Meinung nach muss der Lehrplan dringend überarbeitet werden. Viele Methoden sind nicht mehr zeitgemäß, beispielsweise wird im Deutschunterricht immer noch das Gleiche unterrichtet wie vor 30 Jahren. Ich habe die gleichen Lektüren gelesen, wie meine Eltern damals. Ein Thema aber wie Rhetorik findet hier keinen Platz. Die Kurswahl, wie sie an viel Schulen in der Oberstufe praktiziert wird, ist der richtige Ansatz, jedoch sollte dieses Konzept weiter vertieft werden. Universitäten sind hierfür ein gutes Vorbild. Hier ist es ebenso üblich, dass das Lehrmaterial online zur Verfügung gestellt wird, sodass ein Vor- und Nachbereiten des Unterrichts jederzeit möglich ist. Die Digitalisierung muss auch endlich an den Schulen ankommen. Um eine bessere Vorbereitung auf die Zeit nach der Schule zu gewährleisten, wäre die Einführung eines Faches zur Studien- und Berufsorientierung empfehlenswert.

Ziel sollte sein, Schüler auszubilden, die sehr gut qualifiziert sind, aber auch eine starke Persönlichkeit haben und so schnell ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Es nützt nichts die Schulzeit zu verkürzen, wenn die Hälfte aller Absolventen sowieso nicht weiß, was sie danach machen soll.

Fakt ist, dass wir endlich ein Abitur brauchen, das mehr den einzelnen Schüler fördert und bundesweit vergleichbar wird, damit auch wir endlich wieder in Sachen Bildung zu dem Kreis der führenden Nationen gehören.

 

Kommentar von Marius Schäfer